Jeder von uns hat schon mal darüber nachgedacht, ins Ausland zu gehen. Das gehört einfach zum guten Ton unserer Generation Y. Die einen wollen ins Auslandssemester nach Malaga- natürlich nur der Sprache und des renommierten Lehrstuhls wegen. Die anderen für ein Work and Travel nach Neuseeland- weil sie zu den sieben Leuten an ihrer Uni gehören, die das nicht vor Beginn ihres Studiums gemacht haben. Und wieder andere wollen Freiwilligenarbeit leisten- um anderen zu helfen, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Wir von AIESEC bieten solche Auslandsprojekte an. Aber Hand aufs Herz- können wir diese Erwartungen erfüllen?

Hendrik war sieben Wochen in Kolumbien, sechs davon hat er Kindern in einer Schule Englisch beigebracht. Sein Arbeitstag begann um 5:50 Uhr und endete nachmittags nach sechs Stunden Unterricht. Die Lehrer der Schule machten am ersten Tag ein Gespräch zu den Erwartungen, planten grob den Unterricht. Am nächsten Tag stand der 23-jährige vor einer Klasse. Dass er kein Wort Spanisch sprach, war nebensächlich. Denn an manchen Tagen wartete der BWL-Student in einem leeren Klassenraum auf seine Schüler. „Niemand dort wertschätzt Pünktlichkeit. Man lebt eher mit der Zeit, anstatt ihr hinterher zu laufen.“

Die Absprachen über den Lehrplan wurden ähnlich flexibel gemacht. Die erste Woche sei ganz gut gelaufen, er hätte mit den Kindern ein Grammatik-Thema durchgenommen, berichtet Hendrik. Am darauffolgenden Montag sei ein Überraschungstest zu einem völlig anderen Thema dran gewesen. Die Kids haben es natürlich alle „voll versemmelt“, was ihnen gegenüber unfair gewesen sei.

Laut Hendrik nimmt man eine andere Kultur erst richtig wahr, wenn man dort lebt. „Man ist nur eine kurze Zeit da und kann nicht das ganze System ändern.“ Dafür lerne man schnell, sich zu entspannen „wenn man zwei Stunden lang auf einen Bus, das Essen oder eine Verabredung wartet.“ Außerdem gefiel ihm die Arbeit trotz der kleinen Schwierigkeiten sehr, da er im Gegensatz zu anderen Praktikanten selbst mit den Kindern arbeiten konnte und nicht nur drei Stunden am Tag anderen beim Unterrichten zu geguckt hat.

Aylin hat sieben Wochen in Alexandria in Ägypten in einem Marketing Projekt verbracht. Ihr Aufenthalt begann mit einem kleinen Schock: „Die Wohnung, in der ich gelebt habe, hatte nur kaltes Wasser und kein richtiges Bett. Außerdem hat mir niemand gesagt, dass ich eine Decke mitbringen muss.“ Sich darüber den Kopf zu zerbrechen, war für die 19-jährige aber keine Option. Am nächsten Tag duschte sie in der Nachbarwohnung bei anderen Praktikanten und kaufte sich eine Decke. Gearbeitet hat sie deutlich weniger als Hendrik: „pro Woche nicht mehr als ein bis zwei Stunden.“

In der Hinsicht sei Ägypten „total unorganisiert.“ Auch hätte die Studentin der digitalen Medien nicht viel über Marketing gelernt, stattdessen aber viel über sich selbst. „Ich bin lösungsorientierter und offener geworden.“ Außerdem erfordere es sehr viel Mut, in einem Land zu reisen, dessen Sprache man nicht spricht und dessen Umgebung als unsicher dargestellt werde. Letzteres entspricht jedoch nur teilweise der Wahrheit. „Natürlich ist es nicht sicher, als Frau nach elf Uhr abends alleine an den Strand zu gehen oder sich ins Grenzgebiet zu begeben.“ Das mache von den Einheimischen aber auch niemand. Als Fremder werde man außerdem vorgewarnt und umsorgt. Das hat ihr die Sicherheit gegeben, anstelle der Arbeit zu reisen, Pyramiden zu erkunden und Freundschaften fürs Leben zu schließen.

Was wir von Hendrik und Aylin lernen: Wenn du ins Ausland gehst, wirst du nicht das große ganze System ändern können, du wirst auch nicht die Welt damit retten. Was du aber lernen wirst, ist Vielfältigkeit ohne Floskeln zu leben- in einer Art, wie du es weder auf deinem Campus noch im Wohnheim in Málaga kannst. Du arbeitest in einem Projekt, das von jungen Leuten vor Ort ins Leben gerufen wurde und bringst mit deiner Persönlichkeit neue Sichtweisen ein. Du stellst dich nicht über jemanden, sondern begegnest neuen Leuten auf Augenhöhe, lernst Perspektiven kennen, über die du vorher noch nie nachgedacht hast und bringst gleichzeitig durch deine Erfahrungen einen neuen Blickwinkel dazu. Du beginnst, dich selbst und deinen Hintergrund in Frage zu stellen. Du wirst auch merken, dass man die Welt nicht in Industrie- und Entwicklungsländer einteilen kann. Die ganze Welt ist ein Ort, der sich entwickeln muss. Dazu kannst du einen kleinen Beitrag leisten, indem du deinen Horizont und den von anderen erweiterst. Dabei ist es auch egal, ob du eine Stunde oder sechs Stunden am Tag arbeitest. Ausland ist das, was du draus machst. Du kannst völlig andere Arten zu leben kennenlernen und wirst einiges mögen, anderes weniger. In jedem Fall wirst du die Zeit dein ganzes Leben in Erinnerung behalten. „Ein Teil von mir ist noch in Ägypten und einen Teil von Ägypten trage ich noch immer in mir“, sagt Aylin drei Wochen nachdem sie wieder deutschen Boden betreten hat. Jedes Problem ist eine neue Herausforderung an der du wachsen wirst. Oder bist du schon mal durch etwas, das dir leicht fiel stärker geworden?

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